Schweden: Die Renaissance
der Schulbücher
Nach Jahren der Digitalisierung in den Schulen kehrt Schweden wieder zurück zu Heft und Buch – aus gesundheitlichen Gründen und zum Wohle der Kinder.
Während in Deutschland die sogenannte “Digitale Transformation” hypnoseartig voran gepeitscht wird, kehrt Schweden wieder zurück zu Schulbüchern. Warum eigentlich? Eine aktuelle WHO-Studie warnt sogar vor “suchtartigen Verhalten” bei sozialen Medien unter den Jugendlichen zwischen 11-15 Jahren. Die Ergebnisse der WHO-Studie sind besorgniserregend, vor allem, was problematisches Nutzungsverhalten angeht. Laut dem WHO-Bericht haben „digitale Medien ernsthafte Auswirkungen“ auf die seelische und psychische Gesundheit von Jugendlichen. Sie leiden unter Schlafmangel, Depression und ihre Kommunikationsfähigkeiten und Leistungen in der Schule verschlechtern sich erheblich. Eins galt Schweden als Vordenker der Digitalisierung in den Schulen und schwedische Unternehmen sind bekannt für ihre Familien-, Mitarbeiter- und Kinderfreundlichkeit. Warum die schwedische Regierung an staatlichen Schulen zurückgerudert ist und wieder Schulbücher einführt, scheint eine kluge und weise Zukunftsentscheidung für die schwedische Mehrheitsgesellschaft zu sein – zumindest für das Wohlergehen der Kinder, im Interesse der Eltern und sogar für viele Unternehmen. Lina Kihlblom ist die Bildungsministerin in Schweden.
Nach intensiven Gesprächen mit Experten aus der Bildung und Wirtschaft wurden auf die gesundheitlichen Gefahren der flächendeckenden und zunehmenden Digitalisierung in den Schulen hingewiesen. Studien ergaben, dass die Konzentration bei den Schülern gesunken sei und die Lernkompetenz der Kinder stark zurückging. Kinderärzte stellen fest, dass bei den Jugendlichen physische und vor allem psychische Störungen in den letzten Jahren extrem zugenommen haben. Durch die permanente Nutzung von Laptops, Tablets, Monitore, Smartphones sowie Social Media sind die Lesegeschwindigkeit, Rechtschreibkompetenz, Leseverständnis und die soziale Kommunikation bei den Kindern zwischen 12-16 Jahren stark zurückgegangen. Diese Entwicklung würde sich auch langfristig auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Schweden negativ bemerkbar machen, befürchten führende schwedische Ökonomen. Auch das schwedische Gesundheits- und Sozialsystem müsste diese negative Entwicklung künftig auffangen. Es ist zwar allgemein bekannt, dass Grundschüler in Schweden Smartphones besitzen. Vor dem Unterricht müssen die Handys jedoch abgegeben werden. Für das Jahr 2023 investierte die schwedische Regierung bereits 60 Millionen Euro für Hefte und Bücher.
Und das ist nur der Anfang. Wahrscheinlich müsse man mehr Geld in die Gesundheit der Kinder investieren, damit sie wieder zu “normalen Menschen” werden. Die Nutzung von digitalen und elektronischen Geräten ist für ältere Kinder, die bereits ein entwickeltes Verantwortungsbewusstsein besitzen, sinnvoll. Nach Erkenntnissen von Hirnforschern und Wissenschaftlern sollten kleine Kinder überhaupt nicht mit digitalen Medien, Monitoren und Laptops in Berührung kommen. Die schwedische Bildungs- und Schulministerin Kihlblom sagt, dass auch die Eltern sich die Rückkehr zum Buch wünschen. Ein Link oder eine Email kann leichter weggeklickt werden. Bei Hefte und Bücher können Eltern besser nachlesen, was ihre Kinder tatsächlich für den nächsten Unterricht zu lernen haben. Statt einsam vor dem Laptop zu sitzen, beginnen Eltern wieder mit ihren Kindern mehr miteinander zu sprechen und zu lernen. Statt Künstliche Intelligenz ist wieder die Körper-Intelligenz gefordert. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen auch im sogenannten “digitalen Zeitalter”. Und wann beginnen wir in Deutschland wieder über das Wohlergehen unserer Kinder nachzudenken?
Text von Joel Candelario Cruz