Ein echtes Erwachen
des Bewusstseins
Was hat die Weserregion mit Afrika zu tun? Wir sprachen mit der Bremer Ingenieurin und SPD-Politikerin Virginie Kamche über Punktesystem, Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland und was China in Afrika macht.
Virginie Kamche, SPD Politikerin in Bremen, Foto: Virginie Kamche
Weserwirtschaftsforum: Frau Kamche, danke, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Was haben eine Ingenieurin, Informatikerin und Integrationspolitikerin miteinander zu tun? Worin besteht der kausale Zusammenhang?
Virginie Kamche: Während meines Informatikstudiums in Bremen machte ich einige weniger positive Erfahrungen, die mich dazu bewogen, aktiv zu werden. Ich erkannte, dass es in unserer Gesellschaft eine Lücke gibt, wenn es um das Verständnis für die Herausforderungen von Migration geht. Da ich bereits in Frankreich, einem anderen europäischen Land, gelebt und dort sowohl positive als auch negative Beispiele von Integration erlebt hatte, wollte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse auch in Deutschland einbringen. In Frankreich, schon vor 30 Jahren, sah ich afrikanische Menschen, die für mich zu Vorbildern wurden. Bei meiner Ankunft hier in Bremen fehlten mir solche Vorbilder. Ich fand das nicht gut für junge Menschen, die hier geboren wurden oder hier leben. Deshalb habe ich beschlossen, einen Verein zu gründen, der sich genau diesen Themen widmet. Unser Ziel ist es, die Bremer Bevölkerung für die vielschichtigen Probleme der Migration zu sensibilisieren. Gleichzeitig möchten wir Migranten, insbesondere Menschen afrikanischer Herkunft, mit den Strukturen und Gepflogenheiten des deutschen Systems vertraut machen. Ich sehe meine Rolle dabei als Brückenbauer zwischen verschiedenen Kulturen. Durch meine eigene Erfahrung in einem vielfältigen Umfeld und mein Verständnis für die unterschiedlichen Lebenswelten, möchte ich dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein Klima des Verständnisses und der Integration zu schaffen. Ich bin überzeugt, dass Bildung und der Erwerb von Wissen und Kompetenzen, sowie die Entwicklung von Offenheit und Weitblick, eine entscheidende Rolle für eine gelungene Integration spielen.
Weserwirtschaftsforum: Bei Wahlen wird oft über die Themen Integration und Migration gesprochen. Und auf dem Land verzweifeln Betriebe am sogenannten Fachkräftemangel. Welche neue Denkweise und Sichtweise brauchen wir in Deutschland beim Thema Migration? Was können wir von den klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada oder Australien lernen?
Virginie Kamche: In Deutschland ist eine neue Migrationspolitik nötig, um Fachkräftemangel und Integration zu meistern. Migration muss als Chance gesehen werden. Zuwanderer bringen neue Ideen, Kultur und Qualifikationen. Wichtig ist die Unterscheidung verschiedener Migrationsformen und die Fokussierung auf Zuwandererpotenziale. Nicht jeder Migrant ist Flüchtling oder Wirtschaftsmigrant, viele kommen aus familiären Gründen oder zum Studieren. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Von klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada und Australien können
wir einiges lernen!
Weserwirtschaftsforum: Was zum Beispiel?
Virginie Kamche: Zum Beispiel das Punktesysteme, welches die Zuwanderung ordnet und gezielt steuert. Eine echte Willkommenskultur würde hierzulande die Integration erleichtern, die gegenseitige Akzeptanz fördern und es gäbe auch weniger Konflikte. Sicherlich haben Zuwanderer auch eine Bringschuld. Klar muss aber auch sein, dass Deutsche mit Migrationshintergrund Polizisten, Staatsanwälte und Politiker sein können. Auch die Sprachförderung ist in den klassischen Einwanderungsländern besser geregelt. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Qualifikationen ermöglichen einen schnellen Einsatz von Fähigkeiten und es würde in Bezug auf den Fachkräftemangel den Zugang zum Arbeitsmarkt wesentlich erleichtern. Für Deutschland bedeutet dies Folgendes: Die Einführung eines Punktesystems, die Etablierung einer echten und pragmatischen Willkommenskultur, den Ausbau der Sprachförderungsangebote und Vereinfachung der Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Nur mit neuen Denkweisen und dem Best Practice aus den anderen Ländern können wir die Herausforderungen für die Zukunft Deutschlands meistern und Chancen besser nutzen. In Kanada, USA und Australien gibt es eine „ausgewählte Zuwanderung“ mit Fokus auf offene Stellen auf dem Arbeitsmarkt. In Kanada werden Eltern und Großeltern ebenfalls sehr gut gefördert. Der Universitätszugang ist wesentlich einfacher und auch die Bewerbungen sind meist anonym. Deutschland ist zwar kein klassisches Einwanderungsland, aber es sollte sich als ein modernes Einwanderungsland definieren.
Weserwirtschaftsforum: Zunehmend macht sich China auf dem Kontinent Afrika breit. Welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie im Bezug auf regionale Unternehmen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern?
Virginie Kamche: Die Beziehungen zwischen Afrika und China haben sich in den letzten Jahrzehnten intensiviert. Deutschland und Europa sind dabei, diesen Wettbewerb in Afrika zu verlieren. Man hat in Deutschland immer noch ein altmodisches Bild von Afrika. China investiert stark in afrikanische Länder, besonders in den Ausbau der Infrastruktur, was lokale Unternehmen in Bereichen wie Materiallieferung, Logistik und Bau fördert. Allerdings gibt es Herausforderungen und Kritik an chinesischen Investitionen. Ein Hauptproblem ist das fehlende Vertrauen zwischen chinesischen und lokalen Unternehmen, was nachhaltige Partnerschaften erschwert.
Chinesische Unternehmen bevorzugen oft ihre eigenen Materialien und Arbeitskräfte, anstatt lokale Ressourcen zu nutzen. Chinesische Arbeitskräfte leben oft isoliert und interagieren wenig mit der lokalen Bevölkerung, was zu Misstrauen führen kann. Einige chinesische Händler importieren Waren in großen Mengen und verkaufen sie auf der Straße, was den Wettbewerb für lokale Händler erhöht. Trotz dieser Herausforderungen gibt es auch positive Beispiele für chinesisch-afrikanische Partnerschaften. Um die Beziehungen nachhaltiger zu gestalten, sind Maßnahmen wie die Förderung des Dialogs und des Vertrauensaufbaus, die Stärkung lokaler Unternehmen, die Förderung von Joint Ventures und die Integration chinesischer Gemeinschaften wichtig. All dies was China in Afrika tut, können im Grunde genommen auch die Unternehmen in der Weserregion tun. Aber dafür braucht es noch mehr Dialoge und Informationsplattformen. Das Weserwirtschaftsforum könnte darin eine wichtige Plattform sein.
Weserwirtschaftsforum: Die politische Lage und Machtverhältnisse verändert sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit. Was wünschen Sie sich von der Zukunft? Wie sieht unsere Gesellschaft in 50 Jahren aus?
Virginie Kamche: Dank des Internets sind die Menschen überall, auch in kleinen Dörfern, besser informiert, wodurch ihre Bedürfnisse stetig wachsen. Es gibt ein echtes Erwachen des Bewusstseins, sowohl in den europäischen Ländern als auch in den afrikanischen Ländern, die bisher nicht so viele Möglichkeiten zu vielfältigen Informationen hatten. Ich wünsche mir für die Zukunft eine gerechtere Welt, in der alle Menschen die gleichen Chancen haben. Eine Welt, in der wir gemeinsam gegen Armut, Hunger, Ungleichheit und Diskriminierung kämpfen, sowie eine nachhaltige Welt, in der wir im Einklang mit der Natur leben und die Ressourcen unseres Planeten schonen. Eine Welt, in der wir erneuerbare Energien nutzen und den Klimawandel aufhalten. Eine Welt, in der wir zusammenarbeiten, um Frieden und Sicherheit für alle zu gewährleisten. Damit kann man in der Region am Besten beginnen. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft in 50 Jahren noch vielfältiger und inklusiver geworden ist und wir gelernt haben, unsere Unterschiede zu akzeptieren und zu feiern. Ich glaube, dass die Technologie in 50 Jahren eine noch größere Rolle in unserem Leben spielen wird und wir Roboter nutzen werden, um uns bei der Arbeit und im Alltag zu helfen. Und ich hoffe, dass wir in 50 Jahren eine nachhaltige und offene Gesellschaft erreicht haben. Es ist wichtig, dass wir uns jetzt Gedanken darüber machen, wie wir die Zukunft gestalten wollen. Wir alle haben eine Verantwortung, dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft in 50 Jahren eine bessere ist als heute.
Das Interview führte Joel Cruz