Im urbanen Kontext
Wir wollten vom Präsident der Architektenkammer Niedersachsen, Robert Marlow, wissen, wie er heute in der Weserregion bauen würde, von was sich Architekten eigentlich inspirieren lassen und warum es sinnvoll, ist die charakteristischen Elemente der Weser-Renaissance zu bewahren.
Robert Marlow, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen I Foto: Detlef Jürgens
Weserwirtschaftsforum: Zu teuer, zu klein, keine Alternativen: Tausende Familien suchen mehr Platz zum Leben, aber die Lage auf dem Wohnungsmarkt wird immer schwieriger. Welche Lösungen sieht die Architektenkammer, sprich die Architekt*innen, um diesem Zustand durch innovative, architektonisch gelungene Wohnkonzepte entgegenzuwirken?
Robert Marlow: Zu allererst müssen wir einfacher und damit auch günstiger bauen. Das größte Potenzial hierzu liegt im Bestand. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass bei Aufstockungen und Erweiterungen des Gebäudebestandes außer klimaschutztechnischen keine zusätzlichen Standards einzuhalten sind. Mit der letzten Novellierung der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) unter Beteiligung der Architektenkammer sind dazu schon mutige und weitgehende Regelungen getroffen worden. Nicht nur bezahlbarer Wohnraum kann jetzt deutlich vereinfacht geschaffen werden, auch wurden wichtige Weichen für die Einhaltung von Klimazielen und die Reduktion großer Mengen CO2 gesetzt. Mit dem Modellprojekt „Einfach gut!“, einem Kooperationsprojekt von Kammer und dem Land Niedersachen, zeigen wir, wie dringend benötigter Wohnraum kostenbewusst, sozial verträglich und klimafreundlich gestaltet werden kann. In den letzten 30 Jahren ist die Wohnfläche pro Person um ca. 37 Prozent gestiegen. Mittlerweile hat in Deutschland eine Person im Schnitt ca. 48 qm Wohnraum zur Verfügung. Genügend Wohnraum ist in der Theorie also vorhanden, nur ist er ineffizient genutzt. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, alternativen Wohnraummodellen eine Bühne zu bieten und für eine flächeneffizientere Wohnraumnutzung zu werben. Um aus bestehenden Flächen und Räumen mehr Potenzial zu ziehen, sind unter anderem Aufstockungen und Nachverdichtungen probate Mittel. Die Herausforderungen des heutigen Wohnungsmarktes lassen sich nur mit einer Kombination aus guter Architektur, politischen Maßnahmen und veränderten Erwartungen bewältigen – Stichwort „Suffizienz“. Die Zukunft des Wohnens liegt in smarten, gemeinschaftlichen und umweltfreundlichen Lösungen.
Weserwirtschaftsforum: Was halten Sie als Architekt von Tiny Häusern? 15 bis 45 qm Nutzfläche – ist das eine besondere Herausforderung eines Architekten, einer Architektin?
Robert Marlow: Ich denke, dass man dies differenziert betrachten muss. Grundlegend ist es erfreulich, dass Tiny Häuser das Thema des individuellen Platzbedarfes der Menschen hinterfragen und eine Möglichkeit aufzeigen, wie Wohnraum in der Zukunft neu gedacht werden kann. Aus Suffizienz-Gründen also eine erfreuliche Entwicklung. Im urbanen Kontext sind freistehende Tiny Häuser keine Alternative, wenn überhaupt am Stadtrand oder in Form von Siedlungen mit gemeinschaftlicher Energieversorgung und gemeinsamen Gärten und Freiflächen. Tiny Häuser sind zudem auf den Quadratmeterpreis bezogen keine wirtschaftliche Alternative zum herkömmlichen Einfamilienhaus. Noch ist kein relevanter Markt für Tiny Häuser vorhanden.
Ob sich dies im Laufe der kommenden Zeit durch verändernde Wohnformen oder günstigere Bauweisen ändern wird, bleibt abzuwarten. Aber Tiny Wohnungen als Weiterentwicklung der Tiny Häuser, gestapelt und gereiht, könnten hier eine vielversprechende Lösung darstellen.
Weserwirtschaftsforum: Architekt*innen sind Allrounder: Kreativität, umfassendes Wissen und Multitasking-Fähigkeit gehören zu ihrer beruflichen Toolbox. Doch was inspiriert sie? Was treibt sie an? Und: Wie setzen sie ihre Visionen um?
Robert Marlow: Architektinnen und Architekten jeder Fachrichtung lassen sich von vielen Dingen inspirieren: Natur, Kunst, Geschichte, moderne Technologien oder gesellschaftliche Entwicklungen, nicht zu vergessen das Allgemeinwohl. Manchmal sind es kleine Details – das Lichtspiel in einem Raum, die Struktur eines Blattes, die klaren Linien eines Gemäldes oder das Zusammenspiel verschiedener Nutzungen – die neue Ideen beflügeln. Andere Male entstehen Visionen aus großen gesellschaftlichen Fragestellungen, etwa nachhaltigem Bauen oder urbaner Verdichtung. Viele Architektinnen und Architekten werden zudem von der Idee geleitet, Räume zu schaffen, die Menschen beeinflussen – emotional, funktional oder sozial. Die Herausforderung, Ästhetik und Funktion in Einklang zu bringen, treibt uns an. Zudem motiviert uns oft der Wunsch, einen positiven Beitrag zur Umwelt und Gesellschaft zu leisten, sei es durch nachhaltige Bauweisen oder innovative Wohnkonzepte. Der kreative Prozess in der Architektur ist vielschichtig: Er beginnt mit einer Idee, die in Skizzen, Modellen oder digitalen Entwürfen Gestalt annimmt. Dabei spielen Entwurfsprinzipien, Materialkunde, Erfahrung und technisches Know-how eine zentrale Rolle. Doch der Weg von der Vision zum fertigen Gebäude erfordert auch Durchsetzungsvermögen – in Verhandlungen mit Bauherren, im Dialog mit Behörden und der Koordination des Baugeschehens. Kurz gesagt: Architektur ist ein Balanceakt zwischen Kreativität und Machbarkeit, zwischen Vision und Umsetzung. Und genau das macht sie so faszinierend.
Weserwirtschaftsforum: Kindern gehört die Zukunft. Ein Schüler oder eine Schülerin in der 10. Klasse stellt Ihnen folgende Frage: Herr Marlow, wie sehen meine beruflichen Chancen und Möglichkeiten in der Zukunft in Niedersachsen als Architekt*in aus? Wie würden Sie antworten?
Robert Marlow: Die Zukunft gehört euch und als Architektin oder Architekt hast du in Niedersachsen große Chancen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Ausscheidens vieler Kolleginnen und Kollegen aus dem Berufsleben brauchen wir, braucht die Gesellschaft, euch. Der Bedarf an gut durchdachter, nachhaltiger Architektur wächst, insbesondere im Wohnungsbau, im Städtebau und in der Sanierung bestehender Gebäude, aber auch im zeitgemäßen Schulbau. Klimaschutz, Energieeffizienz und moderne Technologien, wie z.B. KI und 3D-Druck spielen eine immer größere Rolle. Durch die unterschiedlichen Möglichkeiten von Schwerpunktsetzung nach oder während des Studiums habt ihr zusätzlich viele Möglichkeiten, zukunftssicher in Niedersachsen als Architektin oder Architekt zu arbeiten.
Weserwirtschaftsforum: Weser-Renaissance: Der Begriff beschreibt die Architektur der Region entlang der Weser sowie östlich davon bis Wolfsburg und westlich bis Paderborn. Ihr Schwerpunkt lag im 16. Jahrhundert. Bis heute sind aus dieser Zeit zahlreiche stattliche Gebäude erhalten, meist Rat- und Bürgerhäuser sowie Adelssitze. Wie würden Sie heute in der Weserregion bauen?
Robert Marlow: Beim Bauen in der Weserregion heute wäre es sinnvoll, die charakteristischen Elemente der Weser-Renaissance zu bewahren und mit modernen, nachhaltigen Bauweisen zu kombinieren, ohne zu kopieren. Zusätzlich sollten verstärkt regionale Materialien eingesetzt werden, die zu einem harmonischen Orts- und Stadtbild beitragen. Auch die Kombination von Wohn- und Arbeitsräumen nach dem Vorbild der historischen Bürgerhäuser würde ich beibehalten – Arbeit und Wohnen zusammen denken und die Wege damit kurz werden lassen. Und gemeinschaftliche Wohnformen fördern zudem nicht nur das soziale Miteinander der Bewohner, sondern bewahren auch den historischen Charakter der Region.
Weserwirtschaftsforum: Was sind die Hauptaufgaben der Architektenkammer?
Robert Marlow: Die Architektenkammer Niedersachsen vertritt die Interessen von Architektinnen und Architekten, Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten und Stadtplanerinnen und Stadtplanern in Niedersachsen. Sie regelt die Berufszulassung, führt die Architektenliste, überwacht die Einhaltung berufsrechtlicher Vorschriften und sichert die Altersvorsorge. Die Kammer sorgt, zusammen mit der Politik, für gute Berufsbedingungen im Land, im Bund und in Europa. Zudem bietet sie Fortbildungen und Beratungen an, um die Qualität der Baukultur zu fördern und ihre Mitglieder auf aktuellem Stand zu halten. Darüber hinaus engagiert sie sich in der politischen und öffentlichen Meinungsbildung zu Themen der Architektur und Stadtentwicklung. Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich der Architektenkammer ist die Öffentlichkeitsarbeit, die die Menschen im Land über die Bedeutung qualitätsvoller Architektur, nachhaltiger Stadtentwicklung und vorbildlicher Vergabeverfahren informiert und somit stetig für die Beteiligung aller Fachrichtungen unserer Zunft an Planungsprozessen wirbt.
Das Interview führte Karin Kellerer