
Christoph Bauer I Geschäftsführer CollaborationLab I Foto: Christoph Bauer
Transformation beginnt
wo Bequemlichkeit endet
Zwischen Anspruch und Realität klafft in vielen Organisationen eine strukturelle Lücke. Echte Transformation gelingt erst, wenn Führung, Machtstrukturen und Arbeitsmodelle konsequent neu gedacht werden. Das Weserwirtschaftsforum sprach mit Geschäftsführer von CollaborationLab Christoph Bauer.
Weserwirtschaftsforum: Christoph, danke, dass Du Dir für das Weserwirtschaftsforum Zeit genommen hast. Verantwortungskultur, Werte, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Corporate Social Responsibility und ESG sind derzeit in Wirtschaft und Gesellschaft trendy. Wie können aus Deiner Sicht diese Themen beim Kulturwandel tatsächlich helfen?
Christoph Bauer: Vielen Dank für die Gelegenheit, meine Gedanken und Perspektiven im Weserwirtschaftsforum zu teilen. Ich beobachte, wie sich gesellschaftliche, politische und unternehmerische Themen gegenseitig beeinflussen. Unternehmen operieren nicht autark, sondern stehen in Wechselwirkung sowohl zu wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als auch zu Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. CSR und ESG sind Beispiele dafür, wie Entwicklungen aus Politik und Gesellschaft in die Organisationen wandern und dort aufgegriffen werden. Gleiches gilt für die Themen Werte und Verantwortungskultur. Die junge Generation fordert Organisationen heraus, sich zu wandeln. Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen und Möglichkeiten von Remote Work sind Entwicklungen, bei denen sich kaum noch ein Unternehmen verschließen kann, wenn es als Arbeitgeber attraktiv für junge Mitarbeitende sein will. Auch zum Thema Führungskultur machen sich die Organisationen Gedanken, weil sie merken, dass Mitarbeitende heute ganz andere Anforderungen stellen bzgl. Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Ich begrüße all diese Entwicklungen sehr und bin dankbar, dass ich Organisationen unterstützen kann, diese Veränderungen zu meistern.
Weserwirtschaftsforum: Welche Erfahrungen aus Deiner Arbeit mit Führungskräften und Organisationen könnten besonders wertvoll sein, um neue Formen der Führungskultur, also die New Leadership Culture, gerade im ländlichen Raum voranzubringen?
Christoph Bauer: Ich beobachte häufig, dass Führung in den Unternehmen nicht bewusst gestaltet wird, sondern einfach den individuellen Führungskräften überlassen bleibt. So entstehen sehr heterogene Führungskulturen innerhalb des gleichen Unternehmens, geprägt von den einzelnen Führungskräften. Manche Mitarbeitende freuen sich, wenn sie eine gute Führungskraft haben, andere leiden unter ihrer Führungskraft. Man weiß, dass Mitarbeitende sich für ein Unternehmen entscheiden und häufig wegen einer Führungskraft gehen. Wichtig ist, dass Unternehmen Führung nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst gestalten. Sich also damit auseinandersetzen, welche Werte für sie wichtig sind und was sie von ihren Führungskräften erwarten. Gerade von jungen Führungskräften höre ich immer wieder den Wunsch, dass das eigene Unternehmen ihnen doch bitte diese Orientierung geben möge.
Weserwirtschaftsforum: Themen wie Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Teilhabe sowie Frauen in Führungspositionen werden zwar seit Jahren diskutiert, aber es hat sich kaum etwas geändert. Worin siehst Du die Herausforderungen bei der Förderung dieser Werte?
Christoph Bauer: Es ist schon erstaunlich, dass sich trotz vollmundiger Absichtserklärungen in diesen Themen so wenig tut. Es zeigt sich eine enorme Diskrepanz zwischen formulierten Zielen und tatsächlich veränderten Strukturen und Rahmenbedingungen. Noch immer werden strukturell nicht die Rahmenbedingungen geschaffen, die es bräuchte. In Unternehmen sorgen starre Vollzeit-Arbeitszeitnormen, lange Präsenzzeiten und der Mangel an Führungspositionen in Teilzeit dafür, dass Führungsaufgaben für Menschen mit Care-Arbeit schwerer erreichbar sind. Politisch wurde das Versprechen, für ausreichend Möglichkeiten der Kinderbetreuung zu sorgen, nicht eingelöst.
Zusätzlich wirken kulturell unbewusste Vorurteile (unconscious bias), die Einstellungs-, Bewertungs- und Nachfolgeentscheidungen unterminieren. Unbewusste Vorurteile wirken leiser als offene Diskriminierung, sind aber oft wirksamer. Solange Auswahl-, Beförderungs- und Arbeitszeitmodelle gleichbleiben,
reproduzieren wir alte Machtstrukturen, statt sie zu verändern. Dabei sind Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Teilhabe kein „Nice to have“, sondern ein Wettbewerbsfaktor: Unternehmen, die Talente systematisch ausschließen, können sich das auf Dauer schlicht nicht leisten.
Weserwirtschaftsforum: Welche Elemente und Methoden braucht die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gerade im ländlichen Raum aus Deiner Sicht, um konkrete regionale Netzwerke, neue Strukturen und Resilienz zu stärken?
Christoph Bauer: Zunächst halte ich es für wichtig, dass Politik, Wirtschaft, Kommunen und Bürger ein Zukunftsbild von ihrer Region entwickeln – inklusive klarer Prioritäten: Wie stellen wir uns das Leben in unserer Region vor? Welche Branchen wollen wir stärken, welche Lücken schließen wir beispielsweise bezüglich Mobilität, Digitalisierung und Fachkräftegewinnung? Um dieses Zukunftsbild zu verwirklichen, bin ich ein großer Fan davon, Veränderung in Experimentierräumen zu gestalten. Also durch zeitlich befristete Projekte, bei denen quasi im Reallabor neue Ansätze im echten Leben erprobt werden können. Solche Experimentierräume schaffen eine gute Möglichkeit für Menschen aus unterschiedlichen Sektoren, zusammenzuarbeiten. Die größte Stärke ländlicher Räume ist ihr soziales Kapital: Ehrenamt, Vereine, Nachbarschaften. Dieses soziale Kapital sollte durch niedrigschwellige Beteiligung, Mikroförderungen für Initiativen und Qualifizierung von Engagierten gestärkt werden. Dann wachsen gleichzeitig regionale Netzwerke, neue Strukturen und die Krisenfestigkeit der Region.
Weserwirtschaftsforum: Inwiefern können neue Denkansätze und Impulse helfen, den Strukturwandel im ländlichen Raum zu gestalten und gleichzeitig Unternehmen und gesellschaftliche Akteure zu verbinden? Welche Lab-Ansätze gibt es dafür?
Christoph Bauer: Die zuvor erwähnten Experimentierräume bieten eine sehr gute Möglichkeit, Menschen der verschiedenen Sektoren zu verbinden und die Region co-creativ zu entwickeln. Im CollaborationLab arbeiten wir mit dem Change4All Ansatz, um viele Beteiligte zu unterstützen, konstruktiv zusammenzuarbeiten und die eigene Zukunft gemeinsam zu gestalten. Auch Ansätze wie Design Thinking können sehr hilfreich sein, um erste Prototypen zu entwickeln und gleich zu verproben. So entstehen Impulse, die den Wandel beschleunigen und gleichzeitig Vertrauen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft stärken.
Weserwirtschaftsforum: Lieber Christoph, danke für die neuen Sichtweisen und für das Gespräch.
Das Interview führte Joel Cruz