Forum Dialog

Dr. Gero Hocke, FDP-Chef in Niedersachsen / Foto: Gero Hocke / FDP Niedersachsen
Aufbruch statt Stillstand: Hocker sieht neue Chancen für ein starkes, liberales Deutschland
Der neue FDP-Landeschef in Niedersachsen setzt auf Mut zu Reformen, mehr Eigenverantwortung und technologischen Fortschritt. Warum er gerade jetzt eine große Chance für Wirtschaft, Mittelstand und die junge Generation sieht.
INTERVIEW
Weserwirtschaftsforum: Herr Hocker, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich für das Weserwirtschaftsforum Zeit nehmen. Sie sind seit dem 7. März 2026 neuer
Landesvorsitzender der Freien Demokraten in Niedersachsen. Gratulation oder eher
Beileidsbekundung?
Dr. Gero Hocker: Für Mitleid gibt es keine Veranlassung. Zu meiner Kandidatur habe ich mich aus tiefer Überzeugung entschieden, dass dieses Land eine freiheitliche Partei in unseren Parlamenten braucht. Über so viele Jahre wurden echte Strukturen immer wieder auf die Zukunft verschoben, weil man politisch meinte, sich dies in Zeiten von großem Wachstum und niedrigen Zinsen leisten zu können. Darüber sind seit Jahrzehnten echte Reformen bei Rente- und Krankenversicherung unterblieben und gleichzeitig wurde der Staat immer größer. Als das Wachstum ausblieb, man sich aber immer noch nicht getraut hat, strukturelle Reformen auf den Weg zu bringen, wurde die Schuldenbremse mit falschen Versprechen ausgehebelt. Ein gutes Jahr später wissen wir, dass die neuen Schulden vor allem genutzt werden, um Haushaltslöcher zu stopfen anstatt in die Zukunft zu investieren. Gleichzeitig leben in Deutschland Millionen Menschen, für die Radikale keine Alternative sind, die den immensen Reformstau in unserem Lande sehen und die von der Bundesregierung und den gebrochenen Versprechen von Friedrich Merz enttäuscht sind. Es ist eine Chance für dieses Land und für die Freien Demokraten, wieder konsequent auf Eigenverantwortung, gute Bildung und technologischen Fortschritt zu setzen, denn nur mit dieser Haltung und Reformbereitschaft wird Deutschland seine gegenwärtige Krise überwinden können.
Weserwirtschaftsforum: Die Freien Demokraten bekommen häufig den Vorwurf, Politik für Superreiche zu machen. Wie wollen Sie die liberalen Kernanliegen – Bürgerrechte, Mittelstand, individuelle Freiheit – wieder stärker in die gesellschaftliche Mitte rücken?
Dr. Gero Hocker: Die allermeisten Liberalen sind nicht „superreich“ – aber es sind fast ausnahmslos Menschen, die etwas bewegen wollen, für sich und für andere: die Karriere oder sich selbständig machen wollen, die einen Berufsabschluss machen oder mit ihrem Fussballverein aufsteigen wollen. Die Verantwortung übernehmen für ihre Familie oder ihre Stadt, die sich aus ihrer Komfortzone herauswagen und sich weiter entwickeln wollen – die aber permanent hierbei Knü¸ppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Vom Staat, der mehr Auflagen und Formulare verlangt und von Menschen, die Träume lieber ausreden anstatt sie zu unterstützen, weil sie Erfolg nicht gönnen, sondern neiden. „Liberal“ zu sein hat nichts mit dem Einkommen zu tun. Liberale wollen, dass jeder für sich Verantwortung übernehmen und nach seiner „Facon“ glücklich werden kann solange er anderen dieselbe Freiheit und Verantwortung zugesteht. Immer häufiger fallen „Freiheit“ und „Verantwortung“ aktuell aber auseinander. Der Staat überträgt die Verantwortung für den Konsum der Gegenwart mit Schulden auf künftige Generationen. „Leistung“ und „Belohnung“ werden mit der Abschaffung von Noten an vielen Grundschulen oder immer höherer Besteuerung von Einkommen voneinander ebenso entkoppelt, so dass Leistungsanreize verloren gehen. Menschen, die das aufregt, finden sich bei der FDP wieder.
Weserwirtschaftsforum: Der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz hat laut Medienberichten die FDP für politisch tot erklärt. Die Kernbotschaft des Christentums ist ja eigentlich nicht der Tod, sondern die Auferstehung von den Toten. Sehen Sie Merz nach so einer Aussage noch als echten Christen, und glauben die Liberalen an die Kraft der Auferstehung?
Dr. Gero Hocker: Tatsächlich ist es ein wohl einzigartiger Vorgang, dass ein Regierungschef einen politischen Mitbewerber als „tot“ bezeichnet – zumal die Motivation leicht nachzuvollziehen gewesen ist: nach der auf den letzten Metern für die CDU verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg wollte der Kanzler nichts unversucht lassen, ein ähnliches Debakel in Rheinland-Pfalz zu verhindern. Seit diesem Zitat haben sich Dutzende alte und neue Mitglieder bei mir gemeldet, die sich zur nächsten Kommunalwahl für die Freien Demokraten einbringen wollen. Merz hat deswegen das exakte Gegenteil dessen erreicht, was er beabsichtigt hat. Würde ich nicht daran glauben, dass es ein deutlich oberhalb von 15% liegendes
Potential an Menschen in Deutschland gibt, die sich ein anderes politisches Angebot wünschen, hätte ich nicht als Vorsitzender der FDP in Niedersachsen kandidiert. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine immer größer werdende Zahl an Menschen sich weder am linken oder am rechten politischen Rand einordnet, noch der Auffassung ist, dass der Reformstau der letzten Jahrzehnte einfach fortgeschrieben werden könnte. Die FDP ist die Reformpartei Deutschlands. Nicht links, nicht rechts, sondern die einzige politische Kraft, die den Opportunismus der letzten Jahrzehnte überwinden kann. Der Reformstau ist entstanden, weil in Gesellschaft und Politik weder die Bereitschaft noch der Mut existiert haben, den Menschen auch unpopuläre Botschaften zu übermitteln. Es ist nicht zuletzt diese Reformunwilligkeit und -bereitschaft, die Menschen aktuell mit der Demokratie fremdeln und sich Radikalen zuwenden lässt. Das Vertrauen wieder herzustellen wird nur funktionieren, wenn die notwendigen Reformen mutig angegangen statt verschoben werden.
Weserwirtschaftsforum: Leerstand, prekäre Haushaltslage und Gemeindekassen, eine zunehmende alternde Gesellschaft, Bürokratie, Betriebsschließungen, Jugendabwanderung – um nur ein paar Probleme zu nennen. All das hat Einfluss auf die Innovations-, Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Regionen und
Unternehmen. Wie lange kann der Mittelstand in Deutschland das noch mitmachen?
Dr. Gero Hocker: Politik in Deutschland lobt gerne den Mittelstand in unserem Lande, der das Rückgrat unserer Wirtschaft ist: etwa zwei Drittel aller Ausbildungs- und Arbeitsplätze befinden sich bei mittelständischen Betrieben. Gleichzeitig ist es häufig nicht die Groflindustrie, sondern sind es kleine und mittlere Unternehmen, die sich durch besondere Innovationsneigung hervortun. Häufig sind sie inhabergeführt von Persönlichkeiten, die unmittelbar persönlich haften und auch deswegen zutiefst mit ihrem Unternehmen verbunden sind. In Krisen sind es meistens solche Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nicht kündigen, sondern mit Blick auf wieder bessere Zeiten ihre Kollegen weiter beschäftigen und häufig quasi familiäre Beziehungen zu ihren Mitarbeitern haben. Gleichzeitig muss der Mittelstand zumeist die gleichen bürokratischen Vorgaben erfüllen wie Industrie oder Konzerne. Deswegen belastet Bürokratie kleine und mittlere Unternehmen überproportional. Wer es wirklich ernst damit meint, den Mittelstand in Deutschland entlasten zu wollen, der reduziert Bürokratie, der senkt die Steuern, der sorgt für Freihandel – aber vor allem: der kämpft dafür, dass Erfindungsgeist, Risikobereitschaft und Erfolg in unserer Gesellschaft nicht permanent mit einem Naserümpfen negativ begleitet wird. Deutschland braucht im Jahr 2026 mehr anstatt weniger Unternehmertum!
Weserwirtschaftsforum: Was ist Ihre Zukunftsvision für die Menschen, für die Wirtschaft und für Generation Z?
Dr. Gero Hocker: Es klingt abgedroschen, aber dieser Satz hat an Relevanz nichts eingebüßt: künftige Generationen müssen die Ressourcen zur Verfügung haben, die sie zur Überwindung der Herausforderungen benötigen, denen sie sich vielleicht gegenübergestellt sehen. Anders als es häufig verstanden wird, besitzt dieser Satz aber nicht die alleinige Bedeutung für Fragen von Klima und Ökologie, sondern ausdrücklich ebenfalls für Wirtschaft, Finanzen und Technologie. Egal oder Transrapid, Kernenergie oder KI: je mehr Technologien der Zukunft nicht mehr in Deutschland, sondern im Ausland entwickelt werden, umso größer wird unsere Abhängigkeit, und umso weniger werden Standards für ihre Anwendung nach unseren Vorstellungen entwickelt. Die Aufhebung der Schuldenbremse treibt die Verbindlichkeiten der Öffentlichen Haushalte in die Hˆhe, deren Zinslast demnächst unsere Gesellschaft mehr belasten wird als jemals zuvor. Auch hiermit werden künftigen Generationen Entscheidungen und Chancen von den aktuellen Entscheidern genommen, die diese Herausforderungen allerdings noch gar nicht kennen. Generation Z besitzt den berechtigten Anspruch, dem Klimawandel sinnvolle Maßnahmen entgegenzusetzen, gleichzeitig aber auch, Technologien entwickeln und auf wirtschaftliche Stärke zurückgreifen zu können, die die Herausforderungen der Zukunft zu ¸überwinden helfen. Die Schieflage von rein umlagefinanzierten Sozialversicherungssystemen, die quasi-Abwicklung ganzer Industriezweige, die über Jahrzehnte Wohlstand in Deutschland gesichert haben und die Vernachlässigung der Bundeswehr, was innerhalb kürzester Zeit mit Schulden kompensiert werden muss, sind nur einige der Beispiele dafür, dass Wohlstand lange verfrühstück wurde anstatt das für eine Gesellschaft notwendige zu tun. Der Staat muss sich endlich wieder auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Andernfalls versündigt er sich an Chancen künftiger Generationen.
Weserwirtschaftsforum: Herr Gero Hocker, haben Sie vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Joel Cruz