Forum Dialog

Dr. Christiana Bauer I Oberbürgermeisterin in Bielefeld I Foto: Christiane Bauber/Stadt Bielefeld
Bielefeld: Neue Führung.
Neue Perspektiven.
Frauen in Führung, Stadt im Wandel: Ein Gespräch mit Dr. Christiana Bauer über Gleichstellung, Generation Z und Zukunftsvisionen
Weserwirtschaftsforum: Frau Oberbürgermeisterin Dr. Christiana Bauer, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Weserwirtschaftsforum nehmen. Die ersten 100 Tage in Ihrer neuen Verantwortung liegen inzwischen hinter Ihnen. Welche positiven, aber auch welche herausfordernden Erfahrungen haben Sie in dieser Anfangsphase gemacht? Wo wurden Erwartungen bestätigt – und wo mussten Sie vielleicht schon nachjustieren? Und ganz konkret: Gibt es erste sichtbare Erfolge Ihrer Arbeit?
Dr. Christiana Bauer: Zunächst einmal möchte ich voranstellen, dass ich sehr dankbar dafür bin, dass die Menschen in Bielefeld mir ihr Vertrauen ausgesprochen und die Möglichkeit geschenkt haben, unsere wunderbare Stadt in den kommenden Jahren besser zu machen. Und ich bin sehr dankbar für die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, die hinter mir stehen, denn ohne diese Menschen wäre es nicht möglich, meine Visionen für ein besseres Bielefeld umzusetzen. So haben wir gemeinsam bereits erste sichtbare Erfolge erzielen können, wie etwa die digitale Beantragung des Handwerkerparkausweises. Dieser kann jetzt mit deutlich weniger bürokratischem Aufwand und für eine längere Laufzeit beantragt werden. Aber auch die Weiterentwicklung der Bildungslandschaft ist mir ein wichtiges Anliegen, das wir bereits durch den Kauf des Hauses des Handwerks für die dringend benötigte Erweiterung des Gymnasiums am Waldhof unterstreichen konnten. Zudem ist es uns nach langen Verhandlungen mit der Bezirksregierung gelungen, schon in diesem Schuljahr ein neues Gymnasium in Innenstadtnähe an den Start zu bringen. Die Fülle der Aufgaben und die Tiefe der einzelnen Themen sind einerseits herausfordernd, andererseits aber auch spannend und interessant. Viele Themen gestalten sich auch deshalb umfangreich, weil unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zu beteiligen sind, wie z. B. bei der Verkehrs- und Baustellensituation. Ende 2026 wird ein neues Verkehrsleitsystem in Betrieb gehen, von dem ich mir eine spürbare Entlastung für alle verspreche. Nachjustieren musste ich allerdings bei meiner Erwartung zur sogenannten Quattrostreife: einer Streife aus Landes- und Bundespolizei, Ordnungsamt und DB-Sicherheitskräften rund um den Hauptbahnhof nach dem Vorbild Hamburgs. Dieses lässt sich aber aus baulichen und organisatorischen Gründen in Bielefeld leider nicht umsetzen. Stattdessen sprechen wir nun über eine mögliche Dreierbestreifung von Bundespolizei, Landespolizei und Ordnungsamt. An diesem Beispiel zeigt sich allerdings auch, dass Verwaltung flexibel sein muss, um Lösungen zu entwickeln, die vor Ort tatsächlich funktionieren.
Weserwirtschaftsforum: Deutschland liegt im EU-Vergleich auf Platz 22 der 27 EU-Mitgliedsstaaten, was Frauen in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft betrifft. Mit Ihrer Amtseinführung bereiten Sie neue Wege. Was denken Sie über die Gleichstellung in unserer Gesellschaft und brauchen wir eine Quotenregelung?
Dr. Christiana Bauer: Eine Quotenregelung ist meines Erachtens nicht zielführend. Besser ist es, dass wir weiterhin jeden Tag an unserem gesellschaftlichen Miteinander arbeiten und uns ohne Vorurteile begegnen. Ein Beispiel: Wenn ein junger Mann eine steile Karriere hinlegt, dann ist er schnell der „Senkrechtstarter“, zu dem alle bewundernd aufblicken. Als junge Frau wird man jedoch eher argwöhnisch beäugt oder noch schlimmer: man traut der jungen Frau nicht zu, richtige Entscheidungen zu treffen. Alltägliche Beobachtungen wie diese zeigen doch, dass wir gesellschaftlich noch einiges ändern müssen, bis die Gleichstellung der Geschlechter vollständig erreicht ist. Wir müssen tief verankerte Rollenbilder und Erwartungen gemeinsam kritisch hinterfragen. Was unabhängig von Alter und Geschlecht zählen sollte, ist die Fähigkeit, komplexe Probleme zu analysieren, zuzuhören und mutige Entscheidungen zu treffen, sich für die Auffassungen, die man vertritt, konsequent einzusetzen. Es freut mich natürlich sehr, dass mir viele Frauen spiegeln, dass sie mich als Oberbürgermeisterin als ein gutes Vorbild für die Frauen und Mädchen in der Stadt sehen. Diese Vorbildfunktion sehe ich als eine Ehre und ein Privileg zugleich an und fülle sie gerne aus. Vorbilder können Türen öffnen und zeigen, was möglich ist – gerade für die nächste Generation. Damit können wir viel mehr erreichen.
Weserwirtschaftsforum: Drogenkriminalität am Hauptbahnhof, Sicherheitsfragen, die Attraktivität der Innenstadt und wachsende soziale Herausforderungen beschäftigen viele Menschen. Wie sieht Ihre langfristige Vision für Bielefeld aus Reicht es, Probleme zu managen oder braucht es mutige, auch unbequeme Entscheidungen, um Lebensqualität und Sicherheit nachhaltig zu verbessern? Woran sollen Bürgerinnen und Bürger in einigen Jahren konkret erkennen, dass sich etwas verändert hat?
Dr. Christiana Bauer: Langfristig geht es mir darum, Bielefeld als lebendigen, sicheren und attraktiven Ort für alle Generationen zu stärken. Deshalb wurde die erfolgreiche Soko Innenstadt verlängert und die Kooperation zwischen den für die Sicherheit zuständigen Stellen verbessert: Etwa durch das kürzlich eröffnete Haus des Jugendrechts, wo Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendamt unter einem Dach daran arbeiten, jugendliche Straftäter frühzeitig in den Blick zu nehmen und ihnen Perspektiven für ein straffreies Leben zu ermöglichen. Auch mit dem Projekt Nachtboje haben wir seit Jahresbeginn eine wichtige Anlaufstelle für Menschen geschaffen, die sich nachts in der Innenstadt unsicher fühlen. Sicherheit ist dabei nicht nur eine Frage von Aktenlagen, sondern insbesondere auch des subjektiven Empfindens – und genau daran arbeiten wir gezielt. Neben der Sicherheit spielen auch Aufenthaltsqualität, Sauberkeit und vielfältige Angebote eine wichtige Rolle. Daher müssen wir uns um die Leerstände in der Stadt kümmern und Investoren finden. Mit der Unternehmensgruppe Sahle Wohnen konnte beispielsweise ein finanzstarker und langfristig orientierter Partner für das für die Innenstadt so wichtige Karstadt-Areal gewonnen werden. In einer Zeit wirtschaftlicher und finanzieller Herausforderungen brauchen wir Partner, die für Kontinuität und Qualität stehen. Der Erfolg all dieser Maßnahmen wird sich daran messen lassen müssen, ob sich Menschen wieder gerne in der Innenstadt aufhalten, ob sie sich sicher fühlen und ob Bielefeld als lebenswerte Stadt wahrgenommen wird.
Weserwirtschaftsforum: Globale Krisen und politische Entscheidungen treffen Städte heute unmittelbarer denn je. Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheiten und internationale Spannungen wirken sich direkt auf Unternehmen und Bürger vor Ort aus. Welchen Kurs schlagen Sie für Bielefeld ein? Verwalten wir die Situation oder gestalten wir aktiv neue Rahmenbedingungen für Wirtschaft, Innovation und Start-ups? Und: Welches Mindset braucht es aus Ihrer Sicht, um eine Stadt zukunftsfähig aufzustellen?
Dr. Christiana Bauer: Nur zusammen können wir Krisen begegnen und dafür braucht es auch den Mut, neue Pfade einzuschlagen. Darum habe ich einen Runden Tisch Wirtschaft ins Leben gerufen, der sich in diesem Frühjahr zum ersten Mal treffen wird. Dort wollen wir Verwaltung, Wirtschaft und weitere Akteure enger verzahnen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Als Aufsichtsratsvorsitzende der Wirtschaftsförderung für Bielefeld, der WEGE, kann ich auch ganz direkt auf Abläufe einwirken und anregen, wo optimiert werden muss. Aber andererseits soll auch der Runde Tisch den Unternehmen ermöglichen, auf schnellem Wege zu zeigen, was ihnen in der Stadt wichtig ist und wo die Verwaltung sie gezielt unterstützen kann. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur reagieren, sondern aktiv gestalten: durch bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen, Unterstützung von Innovationen und gezielte Förderung von Start-ups. Wenn Verwaltung und Wirtschaft partnerschaftlich zusammenarbeiten, können wir Bielefeld resilient und zukunftsfähig aufstellen.
Weserwirtschaftsforum: In vielen Firmen und Organisationen zeigt sich: Nicht Strukturen allein entscheiden über Erfolg, sondern die Denkweisen der Menschen, die Verantwortung tragen. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Mindset von Führungskräften in Verwaltung, Politik und Wirtschaft? Und ganz offen: Braucht es in Deutschland und auch in Bielefeld mehr Mut, alte Denkmuster aufzubrechen?
Dr. Christiana Bauer: Ja, ich glaube, wir brauchen in Deutschland und auch in Bielefeld mehr Mut, Dinge anders zu denken – aber immer mit Augenmaß und Verantwortung. Wir stecken mitten im KI-Zeitalter, das große Veränderungen, Chancen und Herausforderungen mit sich bringt. Wir müssen Arbeitsprozesse weiter digitalisieren und auf den Prüfstand stellen. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um eine neue Haltung im Umgang mit Veränderung. Das Mindset dafür ist entscheidend: Offenheit für Neues, Mut zur Veränderung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das Aufbrechen alter Denkmuster kann unbequem sein, ist aber aus meiner Sicht notwendig, um voranzukommen. Dabei spielen die Führungskräfte eine große Rolle: Wenn sie mutig vorgehen, sind sie ein gutes Beispiel für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Führung bedeutet heute mehr denn je, Orientierung zu geben und Veränderung aktiv vorzuleben. Dabei finde ich es aber auch wichtig, Veränderungen immer mit Augenmaß anzugehen, denn neu ist nicht immer gleich besser, sondern wir müssen jedes Mal auch die Praktikabilität der Prozesse hinterfragen.
Weserwirtschaftsforum: Die sogenannte Generation Z wächst in einem Umfeld auf, das zunehmend von psychischen Belastungen, Burnout, Generationenkonflikten am Arbeitsplatz, existenziellen Unsicherheiten und einem paradox erschwerten Einstieg in den Arbeitsmarkt – trotz Fachkräftemangel – geprägt ist. Welche Botschaft würden Sie der Generation Z für ihren Lebensweg mitgeben wollen?
Dr. Christiana Bauer: Wie in so vielen Bereichen ist auch hier Kommunikation der Schlüssel, um die angesprochenen Probleme zu lösen. Wer am Arbeitsplatz altersübergreifend zusammenarbeitet und miteinander ins Gespräch kommt, schmälert mögliche Konflikte, die sich durch den Generationenunterschied ergeben könnten. Wenn Führungskräfte transparent kommunizieren, dass die psychische Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst genommen wird, verringern sich Vorurteile gegenüber Betroffenen, was dazu führen kann, dass die Hürden für Erkrankte abgebaut werden können. Eine offene Unternehmenskultur ist hier entscheidend. Und zum Schluss möchte ich Mut machen: Für eine moderne Arbeitswelt brauchen wir die Perspektiven junger Menschen in Führungspositionen, um vielleicht auch manchmal ungewöhnlich die Dinge anzugehen und mit einem frischen Blick Vorschläge zu machen. Daher kann ich jedem jungen Menschen nur raten, sich zu engagieren, ob im Job, in einem Praktikum zur Berufsorientierung oder im Ehrenamt. Gerade dieses Engagement eröffnet Chancen, stärkt Selbstvertrauen und ermöglicht es, die eigene Zukunft aktiv mitzugestalten. Mein Appell ist: Trauen Sie sich, Ihre Stimme einzubringen – unsere Gesellschaft braucht Ihre Ideen und Ihren Mut.
Weserwirtschaftsforum: Frau Oberbürgermeisterin Dr. Christiana Bauer, haben Sie vielen Dank für das freundliche Gespräch.
Das Interview führte Joel Cruz