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Gen Z zwischen Sinnstiftung und Marktbedarf: Warum Berufsorientierung strategisch wird
Zwischen Sinnstiftung und wirtschaftlicher Realität
Für viele junge Menschen beginnt mit der Berufswahl eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens. Dabei stehen Sinnstiftung, persönliche Interessen, soziale und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt. Kreative Berufe, Tätigkeiten im Sport oder im Innovationsbereich sind besonders gefragt. Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen den Berufswünschen der jungen Generation und dem tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft. Eine aktuelle Untersuchung aus Schweden mit knapp 5.000 Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 bis 19 Jahren verdeutlicht diese Entwicklung. Das Interesse an Berufen in strategisch wichtigen Bereichen – etwa Finanzen, Handwerk, Unternehmertum oder Informations- und Kommunikationstechnologie – stagniert oder sinkt sogar. Gerade diese Sektoren sind jedoch entscheidend für Innovation, Produktivität und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und Digitalisierung. Während kreative und sozial orientierte Tätigkeiten (Social Entrepreneurship) stark nachgefragt bleiben, geraten technisch-wirtschaftliche Berufsfelder (MINT) zunehmend aus dem Blickfeld vieler Jugendlicher. Für Regionen außerhalb großer Metropolen kann diese Entwicklung auf dem Land langfristig zu strukturellen Problemen führen.
Orientierung fehlt – Chancen bleiben unsichtbar
Ein wichtiger Grund dafür liegt in der begrenzten Berufsberatung und mangelnden innovativen Angeboten. Nur 17 Prozent der befragten Jugendlichen hatten bislang ein individuelles Gespräch mit einer Berufsberaterin, einem Berufsberater – deutlich weniger als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Viele treffen ihre beruflichen Entscheidungen daher vor allem auf Basis von Eindrücken aus Familie, Freundeskreis oder sozialen Medien und Umfeld. Gleichzeitig wird der Einfluss neuer Technologien im Bildungssystem bislang nur begrenzt thematisiert. Lediglich acht Prozent der Jugendlichen gaben an, regelmäßig darüber zu sprechen, wie künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändern könnte. Dadurch fehlen oft konkrete Einblicke in neue Berufsbilder und Kompetenzen der Zukunft.Hinzu kommt ein Mangel an praktischen Erfahrungen. Fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die ein Sommerpraktikum oder einen Ferienjob suchten, fand keine entsprechende Stelle. Dabei gehören frühe Praxiserfahrungen zu den effektivsten Formen der Berufsorientierung.
Japanisches “Ikigai”
Die Konsequenzen reichen über individuelle Lebenswege hinaus. Technologischer Wandel, demografische Veränderungen und die Energiewende verändern weltweit die Anforderungen an Arbeitskräfte. Wenn junge Menschen strategisch wichtige Sektoren meiden, drohen langfristige Fachkräftelücken und wirtschaftliche Schwächen – besonders in struktursensiblen Regionen wie die Weserregion. Ein hilfreicher Ansatz für eine bessere Orientierung bietet das japanische Konzept des „Ikigai“. Es beschreibt die Schnittmenge aus persönlichen Interessen, individuellen Fähigkeiten, gesellschaftlichem Bedarf und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Viele junge Menschen verfügen über ein starkes Gespür für Sinnstiftung. Was oft fehlt, ist Unterstützung dabei, diese Motivation mit realistischen und gesellschaftlich relevanten Perspektiven zu verbinden. Gerade hier liegt eine große Chance. Wenn Politik, Bildungssystem und Wirtschaft Berufsorientierung frühzeitig stärken, praktische Einblicke ermöglichen und Zukunftsthemen wie KI stärker integrieren, kann aus individueller Sinnsuche ein Motor für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung werden. Denn Berufsorientierung ist längst mehr als eine persönliche Entscheidung – sie ist eine strategische Frage für die Zukunft von Regionen und Volkswirtschaften. jc